Der Begriff "Nachhaltigkeit" entstand im 18. Jahrhundert, und zwar in der Forstwirtschaft. Nachhaltigkeit bedeutete dort: Nur so viel Holz einschlagen, wie nachwachsen kann. Welche Folgen es hat, wenn dieses Prinzip nicht beherzigt wird, zeigte sich schon damals im Mittelmeerraum. Dass die Gegend heute weitgehend kahl ist, ist das Resultat des massiven Holzeinschlags von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, z.B. für den Schiffbau. Der fruchtbare Boden auf den völlig entwaldeten Hügeln wurde weggeschwemmt, vielerorts blieb nur noch der nackte Fels übrig. Die Wiederaufforstung ist deshalb sehr mühsam.
Karriere eines Begriffs
1983 rief die UN die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter der Leitung von Gro Harlem Brundtland ins Leben. Die Kommission sollte ein Konzept für eine langfristige, umweltschonende, weltweite Entwicklung erstellen und veröffentlichte 1987 ihren als Brundtland-Report berühmt gewordenen Abschlussbericht "Unsere gemeinsame Zukunft". Dieser Bericht entwickelte erstmals das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung. Er stellt damit sozusagen die Antwort auf die 1972 veröffentlichte Studie "Grenzen des Wachstums" dar, die einen katastrophalen Niedergang der Weltwirtschaft und der weltweiten Entwicklung voraussagte und als Gründe vor allem den Raubbau an der Umwelt und die Steigerung der Weltbevölkerung angab.
Der Brundtland-Report war einer der Hauptauslöser für die erste Umweltkonferenz in Rio de Janeiro von 1992. In Rio wurde die Agenda 21 verabschiedet, ein Maßnahmenplan zur Förderung einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung mit detaillierten Handlungsaufträgen für die Regierungen der einzelnen Staaten. In Kapitel 36 wird z.B. die Neuausrichtung der Bildung auf die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung empfohlen. Da der Erfolg der Maßnahmen entscheidend von einer breiten Beteiligung von Öffentlichkeit und Bevölkerung abhängt, kommt den Kommunalverwaltungen mit der Lokalen Agenda 21 eine besondere Bedeutung zu.
Versuch einer Definition
Die Brundtland-Kommission definierte nachhaltige Entwicklung als eine Entwicklung, "die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen" (aus: Volker Hauff (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft - Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987). Nachhaltige Entwicklung will globale soziale Gerechtigkeit mit einer dauerhaften Umweltverträglichkeit und einer wirtschaftlichen Entwicklung vereinen, die auch den kommenden Generationen Handlungsspielräume lässt. Damit treten erstmals Umweltfragen gleichberechtigt neben wirtschaftliche und soziale. In der Brundtland-Definition sind zwei Prämissen enthalten, die künftige Entscheidungen prägen sollen: Intragenerationengerechtigkeit und Intergenerationengerechtigkeit.
Mit Intragenerationengerechtigkeit ist die soziale Gerechtigkeit innerhalb einer Generation gemeint. So fordert die Brundtland-Kommission, Maßnahmen zur Überwindung der Armut in den Entwicklungsländern zu entwickeln. Mit Intergenerationengerechtigkeit ist unsere Verantwortung gegenüber kommenden Generationen gemeint. Hier geht es v. a. um ökologische Fragen. Die Industrieländer müssen einen Lebens- und Konsumstil entwickeln, der sich mit der Erhaltung der Natur als Lebensgrundlage in Einklang bringen lässt. Der ressourcenverbrauchende, westliche Lebensstil und -standard lässt sich nicht auf die gesamte derzeitige und zukünftige Weltbevölkerung übertragen. Es muss also ein allgemeines Umdenken stattfinden in Bezug auf das, was Entwicklung ist und wie sie bewerkstelligt werden kann. Dazu ist die Veränderung von Lebens- und Konsumstilen nötig, aber auch die Entwicklung neuer Technologien.
Bildung für nachhaltige Entwicklung
Die Probleme, die durch die Globalisierung und Vernetzung der Welt entstehen, können nicht durch einzelne Maßnahmen der Länder gelöst werden, sondern nur durch internationale Zusammenarbeit mit einer gemeinsamen nachhaltigen Politikstrategie.
Gleichzeitig reicht eine zentral gesteuerte "top-down-Strategie" nicht aus, um umfassende Wandlungsprozesse einzuleiten. Durch die zunehmende Vernetzung der Welt haben z.B. Konsumentscheidungen in den Industrieländern entscheidenden Einfluss auf die ökonomische, ökologische und soziale Verfasstheit ganz anderer Teile der Welt. Eine nachhaltige Entwicklung kann also nur durch die Beteiligung und das Engagement aller gesellschaftlichen Gruppen, auch der Kinder und Jugendlichen, erreicht werden. Um sich an den Aushandlungsprozessen zwischen ökologischer, ökonomischer und sozialer Sphäre beteiligen zu können und Verständigungs- und Entscheidungsprozesse zu organisieren, braucht es jedoch entsprechende Kompetenzen. Bildung ist deshalb einer der wichtigsten Träger der nachhaltigen Entwicklung.
Bei einer Bildung für nachhaltige Entwicklung geht es nicht in erster Linie um ein reines Faktenwissen, sondern darum, Fähigkeiten zu erlangen, die Kinder und Jugendliche in einer vernetzten, komplexen Welt handlungsfähig machen. Zu diesen Fähigkeiten gehören das eigenständige Aneignen und Bewerten von Informationen, das Verstehen von Prinzipien und Mechanismen, das Abwägen unterschiedlicher Perspektiven, Konfliktfähigkeit und Kooperationsbereitschaft, die Planung von Prozessen etc.
Gerhard de Haan und Klaus Seitz haben dazu ein Bildungskonzept entworfen, dessen Kerngedanke die so genannte Gestaltungskompetenz darstellt.
Sie betont zwei Aspekte:
- Die Notwendigkeit, in komplexen Systemen denken zu können. Es ist z.B. wichtig, unbeabsichtigte Nebenfolgen zu bedenken und ggf. zu vermeiden. Der verstärkte Einsatz von Biodiesel im Automobilbereich, um den nicht nachwachsenden Rohstoff Öl zu ersetzen, ist wünschenswert. Problematisch wird es allerdings, wenn dieser Biodiesel von Ölpalmplantagen in Indonesien stammt, für die große Regenwaldflächen gerodet werden.
- Die Befähigung zu konkreten Handlungen trotz einer zunehmend komplexen Welt. Das heißt Spaß und Begeisterung in konkreten, überschaubaren Projekten statt Ohnmacht und reine Betroffenheit.
Das Konzept der Nachhaltigkeit stellt ökologische Themen erstmals gleichberechtigt neben soziale und ökonomische. Gleichzeitig macht es deutlich, dass es nicht ausreicht, auf einer rein ökologischen Perspektive zu beharren, um die Natur als Lebensgrundlage zu erhalten. Soziale und ökonomische Aspekte müssen mitgedacht werden:
"Wenn Methoden der Naturerfahrung und des Naturerlebens dazu führen, dass Menschen einen Baum unter keinen Umständen ein Haar krümmen wollen, ist der Weg zum Verständnis, dass Flüssigholz (natürlich aus gefällten Bäumen!) eine zukunftsfähige Alternative zu Werkstoffen aus nicht nachwachsenden Rohstoffen ist, ziemlich verbaut" (aus: Ute Stoltenberg, Bildung für Nachhaltige Entwicklung - aktuelle Herausforderungen für die außerschulische Arbeit, Vortrag anlässlich der ANU-Bundestagung 2005 zum Thema "Bildung im Wald").
Das Nachhaltigkeitsdreieck verdeutlicht die unterschiedlichen Perspektiven, die z.B. beim Thema Tropenwald berücksichtigt werden müssen:

Ziel einer Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es, Kindern und Jugendlichen die nötigen Fähigkeiten und Kompetenzen an die hand zu geben, solche Problemlagen zu erkennen, zu bewerten und kreative Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die UN hat deshalb 2005-2014 eine Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung ausgerufen.
