Vom Setzling zum Regenwald!
Der drittgrößte Nationalpark Guatemalas „Sierra del Lacandón“ liegt im nördlichen Tiefland Guatemalas in der Provinz El Petén im Maya-Biosphärenreservat. Der knapp 203.000 ha große Park wurde 1990 gegründet und umfasst Tief- und Hochlandregenwälder, Feuchtgebiete und Graslandschaften. Wissenschaftler aus aller Welt erklären ihn zu einem der 25 Bio-Hot Spots. Hier leben tausende Arten, wie die vom Aussterben bedrohten Hellroten Aras, die dem Ameisenbär-ähnlichen Tamanduas, Pumas, Ozelote, Brüllaffen und Jaguare. Sie alle brauchen geschlossene Waldflächen als Lebensraum, da sonst ihre Jagdgebiete zu klein zum Überleben sind. Ca. 50 % der Tierarten sind akut bedroht, wenn ihre Refugien nicht größer als 25 km² sind. Auch die Bäume auf den nicht gerodeten, isolierten Flächen verlieren ihre Stabilität und sind stärker durch Wind und, aufgrund fehlender Luftfeuchtigkeit, durch Austrocknung gefährdet. Der Park besitzt dank seiner seltenen Primärwälder und der hohen Biodiversität mit durchschnittlich 100 bis 200 Baumarten pro Hektar eine weltweite Bedeutung und ist damit von größtem Wert für alle Menschen.
Die größte Bedrohung für den Regenwald Guatemalas ist der enorme Nutzungsdruck. Die wachsende Bevölkerung, ungeklärte Besitzverhältnisse und fehlende Einkommensquellen zwingen die lokale Bevölkerung dazu Brandrodungswirtschaft zu betreiben. Sie wollen ihren Lebensunterhalt bestreiten und überleben. Viele Guatemalteken sind vor dem Bürgerkrieg geflohen. Nach ihrer Rückkehr mussten sie feststellen, dass ihr früheres Land nun ein Nationalpark ist - und sie hatten alle Landrechte verloren. Mittlerweile wurde eine vorläufige Klärung der Besitzverhältnisse erwirkt, denn ohne rechtliche Besitzurkunde plant kein Bauer eine langfristige schonende Bewirtschaftung eines Ackers und ist somit kein Verbündeter im Waldschutz.
Um den faszinierenden Naturraum Guatemalas zu erhalten muss sich das Verhalten der dort ansässigen Kleinbauern langfristig ändern. Sie brauchen Alternativen zur Brandrodung und die Gewissheit, legal und kontinuierlich auf ihren Flächen wirtschaften zu können. Nur dann kann eine nachhaltige Waldbewirtschaftung etabliert werden.
OroVerde verbessert die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung, indem sie die Wiederaufforstung vorantreibt und die Menschen für nachhaltiges Wirtschaften und den schonenden Umgang mit ihren Ressourcen sensibilisiert. Dieses Wissen gibt ihnen die Möglichkeit, alternative Einkommensquellen zu erschließen.
Wiederaufforstung und Erhaltung des Primärwaldes
In dem Gebiet der Gemeinde „Arroyo Yaxchilán“ innerhalb des Nationalparks wurden bereits 30 ha mit über 22.000 einheimischen Bäumen wiederaufgeforstet. In eigenen Baumschulen werden die einheimischen Baumarten angezogen und mit den jungen Pflanzen die gerodeten Flächen wieder aufgeforstet. Knapp 100 ha stehen unter Schutz und sind somit vor Holzeinschlag und Bränden geschützt. Die Bewohner haben Brandschneisen angelegt und überwachen diese, um Brände vor einem Übergreifen auf die geschützten Flächen rechtzeitig eindämmen zu können.
2009 konnte mit Hilfe dieser Brandschneisen bei einem großflächigen Brand durch tagelange Löschaktionen verhindert werden, dass das Feuer auf das Projektgebiet und somit auf den geschützten Bereich des Parks übergreift.
Zudem kontrollieren die Bewohner, dass keine illegale Nutzung von außen, wie zum Beispiel in Form von Wilderei oder Baumfällungen, erfolgt. Die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt hinsichtlich der Wiederaufforstung und des Waldschutzes sind positiv. Auch die Zusammenarbeit von einheimischen Bauern und Umweltschutzorganisationen zur gemeinsamen Wiederaufforstung macht das Projekt einzigartig in Guatemala. Durch die aufgeforsteten Flächen wird ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz geleistet, denn die gepflanzten Bäume binden aktiv CO2 – eines der schädlichen Treibhausgase, das zur Erwärmung des Weltklimas beiträgt. Auch der Schutz des Waldes ist für den Klimaschutz wichtig, denn insgesamt stammen weltweit ca. 20% des Kohlendioxidausstoßes aus der Abholzung des Tropenwaldes. Das Projekt trägt somit auf innovative Weise zur Reduzierung dieser Rate bei.
Sicherung alternativer Einkommensquellen
Für die Bauern ist die Sicherung alternativer Einkommensquellen von großer Bedeutung, um langfristig von der schonenden Nutzung ihrer Parzellen leben zu können, ohne den Park zu gefährden. Xaté-Palmen sind einheimische Arten, die traditionell von Sammlern im Park geerntet werden, um sie auf Blumenmärkten zu verkaufen. Dadurch sind die Palmen in der Region selten geworden. Durch den gezielten Anbau im Unterstock der Wiederaufforstungsflächen wird der Waldschutz gefördert, gleichzeitig den Palmen ein geeigneter Lebensraum geboten und den Bewohnern ein zusätzliches Einkommen geschaffen.
Gemeinsam mit der Organisation Defensores de la Naturaleza und Fachleuten erarbeiten die Bewohner und Bauern ein Kreditsystem, welches die Finanzierung von nachhaltigen Kleinprojekten vorsieht, wie zum Beispiel das Anlegen von Gemüsegärten oder den Einstieg in die Schweinezucht. Die Lebensbedingungen der Familien verbessern sich somit und machen sie weniger abhängig von den Ressourcen des Waldes. Im Gegenzug dafür verpflichten sich die Einheimischen zu einer langfristigen Beteiligung am Schutz des Nationalparks.
Die Projekte verlaufen gut und das Interesse am Waldschutz verbreitet sich zusehends auch in den benachbarten Gemeinden. Viele andere Dörfer haben ihr Interesse bekundet, auf ihren Flächen ebenfalls Wiederaufforstung und Waldschutz zu betreiben.
Wasserzugang und Sicherung des Wasserspeichers
Das Projekt wurde auf die am Rand zur Kernzone des Nationalparks lebende Gemeinde „Nueva Jerusalém II“ ausgedehnt. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Wiederaufforstung als Sicherung des Wassereinzugsgebietes.
Entwaldete Flächen haben eine dramatische Wirkung auf die Wasserversorgung und die Wasserqualität. Daher ist das Überleben der Menschen und Tiere in den Regenwaldgebieten unmittelbar abhängig vom Zustand des Waldes.
Während in der Regenzeit die Flüsse über die Ufer treten und den Boden der gerodeten Flächen abtragen, trocknen in Dürreperioden die freiliegenden Böden aus, und Samen und junge Bäume können auf dem erodierten Boden nicht wachsen.
Um die Wasserknappheit zu bekämpfen, hat OroVerde mit den Bewohnern von Nueva Jerusalém II Schulungen zum Schutz und Erhalt der Wassereinzugsgebiete durchgeführt.
Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, die Lebensbedingungen der einheimischen Bevölkerung durch ein Trinkwassersystem zu verbessern und den Regenwald im gesamten Trinkwassereinzugsgebiet zu renaturieren und dauerhaft zu schützen.
Das gesamte Wassereinzugsgebiet wird unter Schutz gestellt, entwaldete Flächen wieder bepflanzt und Kontrollpatrouillen der Dorfbewohner bewachen den Wald vor illegalen Rodungen, Eindringlingen und Bränden.
Zudem wird eine Infrastruktur zur Speicherung, Reinigung und Verteilung des Wassers errichtet, die von einem „Wasserkomitee“, bestehend aus einigen Dorfbewohnern, verwaltet und kontrolliert wird. An dieses „Komitee" zahlt jeder Dorfbewohner monatlich einen kleinen Betrag, der für anfallende Reparaturen und Ausbesserungen verwendet wird. Ein Teil des Geldes wird für die Waldschutzmaßnahmen verwendet – so trägt sich das Projekt in Zukunft selbst.











