Die Ausgangslage

Schlagworte wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Regenwald, erneuerbare Energien oder umwelt- und gesundheitsbewusste Ernährung sind für 12 bis 17-jährige Schüler aus benachteiligten Strukturen eher Fremdworte. Den häufig etwas lernschwachen Jugendlichen fehlt offensichtlich der Bezug zum Thema.

Woher kommt das?

Ein Blick in die Umweltbildungslandschaft in Deutschland zeigt:

  • Die gängigen Umweltbildungsangebote richten sich v. a. an Kinder, nicht an Jugendliche. Umweltbildung gerade in der Altersphase der Pubertät, in der Werte und Zukunftsvisionen bei Jugendlichen in besonderer Weise hinterfragt und geprägt werden, sind selten. Kein Wunder, fühlen sich die Gruppenleiter, die über Jahre eine sehr anspruchsvolle umweltpädagogische Arbeit mit Kindergruppen gestaltet haben, doch oft überfordert, wenn „ihre“ Kinder in die Pubertät kommen. Die Methoden, die für Kinder genau die richtigen sind, greifen in diesem Alter nicht mehr, einzelne Sachinteressen geraten in den Hintergrund, Wert- und Beziehungsfragen gelangen immer mehr in den Mittelpunkt.
  • Umweltbildung richtet sich vor allem an bildungsstarke Schichten.  Bildungsferne Zielgruppen werden nur selten angesprochen oder erreicht. Folglich rekrutieren bewusste Konsumenten sich noch vor allem aus den besser Gebildeten, wie auch die SINUS-Milieustudien zeigen, die versuchen, die Konsumentengruppe der LOHAS (Lifestyles of Health and Sustainability) zu identifizieren . (Anmerkung: Hierbei ist natürlich noch mit zu berücksichtigen, dass  bildungsnahe Milieus zumeist auch höhere Einkommen zur Verfügung haben). 

Ein Blick in die 14. Shell-Jugendstudie weist bereits im Jahr 2002 in die gleiche Richtung. Die Studie macht vier Strömungen jugendlicher Wertewelten aus: die selbstbewussten Macher (Leistungselite), die pragmatischen Idealisten (Engagementelite), die zögerlichen Unauffälligen (Unsichtbare) und die robusten Materialisten (Aggressive). Die Bereitschaft zum sozialen und ökologischen Engagement ist bei den „pragmatischen Idealisten“ am höchsten ausgeprägt.  Sie sind verstärkt unter Gymnasiasten und Studierenden (36%) zu finden. „Angst wegen Umweltverschmutzung“ haben 73% der Idealisten, 68% der Macher, 57% der Unauffälligen und nur 51% der Materialisten.  Sieht man sich die einzelnen Beschreibungen der Strömungen an, wird auch hier ein Bildungsgefälle deutlich:

  • Die selbstbewussten Macher (Leistungselite, 1/4)
    Die Jugendlichen kommen aus der Mitte der Gesellschaft, verstehen sich als Leistungselite und stellen sich den Anforderungen ihrer Umwelt. Sie haben einen fordernden und fördernden Erziehungsstil im Elternhaus genossen und machen etwa ein Viertel der Jugendlichen aus. Sie sind unanfällig für Ideologien und bereit, sich einem Leistungswettbewerb zu stellen. Sie bewerten hohen Lebensstandard fast ebenso hoch wie soziales Engagement.
  • Die pragmatischen Idealisten (Engagementelite, 1/4)
    Die Jugendlichen entstammen dem Bildungsbürgertum. Sie verbinden Leistungsbewusstsein mit sozialem Denken und zeigen persönlich Engagement im sozialen, gesellschaftlichen und politischen Bereich. Auch sie machen ca. ein Viertel der Jugendlichen aus.
  • Die zögerlichen Unauffälligen (Unsichtbare, 1/4)
    Die Leistungsanforderungen in Schule und Beruf machen diesen Jugendlichen Probleme. Sie reagieren teilweise mit Resignation und Apathie und sehen skeptisch in ihre persönliche Zukunft. Sie zeigen eine passive Sympathie und Toleranz gegenüber den anderen Schwachen der Gesellschaft. Auch sie machen etwa ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland aus.
  • Die robusten Materialisten (Aggressive, 1/4)
    Diese Jugendlichen reagieren auf schulische Leistungsanforderungen und ihre relativ geringen Chancen aggressiv, zeigen Ellenbogen, übertreten gesellschaftliche Regeln und verachten Randgruppen. Dieses Viertel der Jugendlichen unserer Gesellschaft demonstriert äußerlich Stärke und ist anfällig für politische Radikalisierung.

Bekanntlich sind Jugendliche und ihre Einstellungen Frühindikatoren für gesellschaftliche Entwicklungen. Will die Bildung für Nachhaltige Entwicklung den Nachhaltigkeitsgedanken in der Gesellschaft verankern, kann sie die bildungsferneren Strömungen nicht mehr vernachlässigen. Im Gegenteil: Die Umweltbildung muss Wege finden, auch benachteiligte Jugendliche zu erreichen, um in Zukunft einen breiten Rückhalt in der Gesellschaft zu finden. Denn wir reden hier nicht mehr von einer kleinen, gesellschaftlichen Randgruppe – fast man die „Unsichtbaren“ und die „Aggressiven“ zusammen, bilden sie die Hälfte der befragten Jugendlichen ab!