Die Zielgruppe

Zielgruppe des Projektes sind "sozial benachteiligte Jugendliche" an Haupt- und Förderschulen. Doch wer sind sie eigentlich, die benachteiligten Jugendlichen? Wie sind sie aufgewachsen, wie denken sie, was sind ihre Probleme, aber auch ihre Bedürfnisse und Wünsche?

Mit der Veröffentlichung des zweiten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung im Jahr 2005 wurde die besorgniserregende Situation von Kindern und Jugendlichen offenbar:

Über 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren in Deutschland leben auf Sozialhilfeniveau, das heißt in einem Haushalt, in dem Eltern vom ALG II leben, in dem das Mittagessen in einer Suppenküche zum Alltag gehört oder der Kauf von Winterschuhen zum Problem werden kann.

9 % eines Jahrgangs erreichen keinen Schulabschluss. Bei ausländischen Jugendlichen liegt der Anteil bei 19%.

Fast 11% der jungen Menschen unter 25 Jahren sind arbeitslos. 15% der Jugendlichen eines Jahrgangs haben keine Berufsausbildung. Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt der Anteil bei ca. 30%.

Zusätzlich belegt der Bericht den Zusammenhang zwischen niedrigem Einkommen, geringer Bildung und der Zunahme von Arbeitslosigkeit und Armut. Doch nicht nur der Armutsbericht, sondern auch die Ergebnisse der PISA-Studien im Auftrag der OECD haben ein weiteres Mal die

Abhängigkeit von Bildungschancen von der sozialen Herkunft in Deutschland dokumentiert.

Kinder und Jugendliche aus armen Familien gehen seltener zum Arzt als ihre Altersgenossen, essen weniger Gemüse und Obst, bekommen seltener Nachhilfeunterricht, lernen kein Instrument spielen und sind selten in außerschulischen Angeboten wie Sportvereinen oder auch Kunstkursen anzutreffen. Manche dieser Kinder und Jugendlichen leben in Haushalten, in denen die Erwachsenen seit langem von Sozialhilfe leben, morgens nicht mehr regelmäßig aufstehen und in Familien, in denen sich kaum jemand für die Leistungen in der Schule interessiert.

Man kann es auch so sehen: Jeder Jugendliche, der trotz alle dem morgens alleine aufsteht und zur Schule geht, der allem Desinteresse zum Trotz die Schulaufgaben macht und sich immer weiter bewirbt, ist eigentlich ein wahrer Held. Richten wir den Blick nicht auf die Defizite sondern auf die alttäglichen Leistungen, können wir sagen: ja, gerade benachteiligte Jugendliche haben Achtung und Anerkennung verdient.

Grundbedürfnis: Respekt

Unter Jugend versteht man in der westeuropäischen Kultur die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein, also etwas zwischen dem 12. und 21. Lebensjahr.  Vor allem ein Bedürfnis drängt in dieser Phase in den Vordergrund: der Wunsch nach Anerkennung. Das Bedürfnis nach Respektiert-Werden – und zwar so, wie man ist und sich ausdrückt, also (auch wenn`s schwer fällt) mit Tattoos, Piercings oder auch der ungewöhnlichsten Bekleidung und Ausdrucksweise.

Wertschätzung und Respekt ist jedoch das, was benachteiligten Jugendlichen zumeist am Geringsten zu teil wird.

Klar: benachteiligte Jugendliche fallen oft „störend“ auf. Sie ecken an mit ihrem Verhalten, ihrem Aussehen, ihrem provozierenden Gehabe. Sie stören und lösen Widerstand aus, oder Empörung und manchmal sogar Angst: wie sie dasitzen, herumlungern oder sich gegenseitig anpöbeln.

Aber wie fühlt sich ein 16jähriger, der auf seine 60ste Bewerbung die 60ste Absage bekommen hat? Was für einen Traum vom Leben hat ein Jugendlicher, wenn er auf die Frage, was er später machen möchte, antwortet: „Ich werde Hartz IV“? Zu viele Jugendliche sehen einer Zukunft in einer Gesellschaft entgegen, die ihnen kaum Chancen bereithält, die sie oft nur als lästige Probleme und nicht als Zukunftspotenzial sieht, und die sie bisweilen am liebsten los wäre.

Zu viele Jugendliche müssen heute die Erfahrung machen, dass sie nicht gebraucht werden.

Und das, obwohl wir sie dringend brauchen: als (selbst-)bewusste Konsumenten, als Menschen, die sich für mehr Fairness und Gerechtigkeit einsetzen, als Treiber einer nachhaltigen Entwicklung. Wir brauchen sie: als wichtigen Teil unserer Gesellschaft. Auch diese jungen Menschen sind unser Zukunftspotential – und wir sollten alles dazu tun, sie in der Entwicklung ihrer Potentiale zu unterstützen.   

Weil wir es wert sind

„Weil wir es wert sind“ – der Slogan setzt voraus, sich selbst als wertvoll und nützlich erleben zu können. Genauso wie die Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens als Grundlage für Lernprozesse dieses  Selbst-Wert-Gefühl voraussetzt. Kindern und Jugendlichen mit geringem Selbstwertgefühl fällt das Lernen schwer – zu oft haben sie bereits verinnerlicht „ich kann das nicht“. Sie geben früher auf, manchmal schon bevor sie überhaupt begonnen haben. Was wiederum ihren Glaubenssatz bestätigt und „beweist“: ich bin zu dumm, zu ungeschickt, zu langsam, zu… .  Und schlimmstenfalls: ich bin kein wertvoller Bestandteil der Gesellschaft.

Ziel der (Umwelt-)Bildungsarbeit mit benachteiligten Jugendlichen muss es daher sein, den Teufelskreis der Nicht-Wertschätzung zu durchbrechen und sie in ihrem Selbstwert so weit zu stärken, dass sie sich an ihre eigene Entwicklung wagen können. 

Es geht darum, ihnen Mut zu machen, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten. Ihnen den Rücken zu stärken und Hilfestellungen zu geben, damit sie einen Schritt ins Offene und Neue wagen. Ihnen Rückhalt zu geben, dass sie ihre Kraft entwickeln und bewahren, um vorwärts zu gehen und den eigenen Weg zu finden. Sie fliegen zu lassen, wenn sie flügge sind. Aber auch sie aufzufangen und nicht fallen zu lassen, wenn der eine oder andere Flugversuch misslingen sollte.

Zugrunde liegt ein Menschenbild, das grundsätzlich in die Fähigkeiten und Kräfte, die in jedem Menschen lebendig sind, vertraut. Mögen diese auch verschüttet, behindert oder noch unentdeckt sein. Also ein Menschenbild, dass sich an Potentialen orientiert und davon ausgeht, dass Menschen darin unterstützt werden sollten, ihre individuellen Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten und so ihren eigenen, unverwechselbaren Platz in der Gesellschaft und im Miteinander zu finden.  Diese Unterstützung ist dort umso notwendiger und dringlicher, wo junge Menschen in ihrer jeweils eigenen Individualität den Erwartungen und Normen der Gesellschaft und der Wirtschaft nicht gerecht werden oder werden können: in den Schulen und sozialen Einrichtungen mit hohem Anteil benachteiligter Kinder und Jugendlicher.

Niedrigschwellig und auf hohem Niveau

Wie mache ich Selbstwert erlebbar? Zunächst ist es der Blick auf Augenhöhe. Die Angebote müssen niedrigschwellig sein, jedoch nicht anspruchslos, denn sonst vermitteln sie das Gefühl, „für die Doofen“ zu sein. Ein Stempel, der niemandem hilft.

Niedrigschwellig und auf hohem Niveau, den Jugendlichen für voll nehmend, fordernd, aber auch fördernd. Und vor allem: echt. Jugendliche wollen keine „pädagogischen Spielchen“, sondern Situationen mit Ernstcharakter. Sie wollen am „echten“ Leben teilnehmen, Teil davon sein, Einblicke in die Lebens- und Arbeitswirklichkeiten anderer Menschen nehmen, von Profis und von normalen Menschen lernen. Was ist da authentischer, als  die Profis von nebenan in die Schule zu holen? Als in Projekten wie „Kampagnenagenturen“ und „Schülerfirmen“ eine aktive Rolle im gesellschaftlichen Geschehen des Stadtteils einzunehmen?

Zugleich befinden sich die Jugendlichen gerade in einer Altersphase, in der Werte und Zukunftsvisionen in besonderer Weise hinterfragt und geprägt werden. Welche Werte sind für sie wichtig – und was sind sie ihnen wert? Auch hierdurch kann man seinen Wert bestimmen: zum Beispiel, indem man sich für etwas einsetzt, was einem wertvoll ist.

Hier nun gelingt der Brückenschlag zwischen Sozialpädagogik und Umweltbildung:

Indem Projekte initiiert werden, die sich für nachhaltige Entwicklung einsetzten und dabei die drei Säulen unserer Lebenswelt im Auge behalten: „Soziales“, „Ökonomie“ und als deren Basis „Ökologie“. 

Es geht dabei um mehr als um Qualifizierung. Es geht um Bildung in einem sehr umfassenden Sinn: es geht darum, benachteiligte Jugendliche dazu zu ermutigen, ihre individuellen Fähigkeiten und Potentiale herauszubilden und sich selbst anzunehmen, sich zu be-jahen  (Sozialpädagogik). Zugleich geht es darum, die Jugendlichen zu befähigen, globale Probleme zu erkennen und sich an ihrer Lösung zu beteiligen. Und dies handlungs- und alltagsorientiert vor Ort: zum Beispiel durch ein bewusstes Konsumverhalten oder aber auch durch öffentlichkeitswirksame Aktionen rund um das Thema Nachhaltigkeit (Umweltbildung / BNE).